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Quo vadis, Europa?

11.05.2006: Im Mittelpunkt des 5. Reuterianer-Forums am 11. Mai 2006 standen die Herausforderungen und Chancen der Europäischen Union zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zu Gast waren die EU-Kommissarin a.D. Michaele Schreyer, Hans Eichel (MdB) und John Kraus, der erste Sekretär der britischen Botschaft.

  
 

Wenn alles getan ist - Gäste des Reuterianer-Forums genießen den sommerlichen Blick auf den Reichstag

Noch am Vormittag des 11. Mai stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Reichstag ihre Perspektiven für das europäische Projekt vor. Nur wenige Schritte von diesem Ort entfernt diskutierten die Reuterianer abends im Max Liebermann Haus der Stiftung Brandenburger Tor am Pariser Platz über die künftigen Herausforderungen an die Europäische Union.

Die Reuterianer hatten die ehemalige EU-Kommissarin Michaele Schreyer, den ehemaligen Finanzminister Hans Eichel und den ersten Botschaftssekretär der britischen Botschaft John Kraus zu sich eingeladen. Ihren Blick lenkten die Reuterianer dabei in gewohnter Weise auch auf die Biografien ihrer Gäste.

In seiner Begrüßungsrede dankte der Reuterianer Christoph Tanneberger der Landesbank Berlin AG und ihrem Vorstandsmitglied Johannes Evers für die freundliche Unterstützung des Forums und die Gastfreundschaft im Max Liebermann Haus.

Welches prägende Erlebnis ihrer Studienzeit hat Michaele Schreyer zur Politik geführt? Warum hat sich Hans Eichel als Jugendlicher für Adenauer engagiert? Wie kam der Physiker John Kraus von einer großen Versicherungsfirma in das britische Außenministerium? Zu Beginn der Podiumsdiskussion forschten die beiden Reuterianer Christine Wank und Torsten Kühne in den Biografien ihrer Gäste. Hans Eichel berichtete gerne von seiner einstigen Leidenschaft für Adenauer als Elfjähriger. Doch noch vor Abschluss der Oberschule wandte er sich der Sozialdemokratie zu. Michaele Schreyer erinnerte sich an frauenpolitische Seminararbeiten, die sie als Assistentin am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität betreute - und die sie schließlich in die praktische Politik führten. Und Kraus unterstrich, dass das britische Außenministerium gerne Mitarbeiter mit unterschiedlichen Ausbildungen beschäftigt.

Eichel machte Wahlkampf für Adenauer

Später konfrontierten die Reuterianer ihre Gäste mit Klischées und Umfrageergebnissen: So konnte das Publikum im Laufe der Diskussion vom hessischen Deutschen und Europäer Eichel erfahren, dass er sich keineswegs als "Totengräber des Stabilitätspaktes" sieht. Vielmehr hält er sich für einen ehrlichen Anwalt der deutschen Interessen in Brüssel. Die Berliner Europäerin Schreyer empfindet den Liberalismus angesichts der Vorteile des europäischen Binnenmarktes keineswegs als Bedrohung. Schreyer, die von der Presse bereits als "grüne Maggie Thatcher" oder "Stabilitäts-Ajatollah" bezeichnet wurde, fühlt sich von solchen Zuschreibungen geehrt. Der europäische Brite Kraus hingegen bestritt die Absicht Großbritanniens, das europäische Projekt auf eine Freihandelszone beschränken zu wollen. Außerdem wehrte er sich gegen die Unterstellung, London sei der verlängerte Arm Washingtons.

Großbritannien sieht in Europa Chancen, keine Probleme

Dann kamen die aktuellen Herausforderungen der EU zur Sprache: Die Reform der europäischen Institutionen und der Verfassungsvertrag, die finanzielle Basis der EU sowie der Komplex der Grenzen Europas im Zuge der Erweiterung der Union. Möchte Großbritannien wirklich durch neue Erweiterungsrunden die Vertiefung der Europäischen Union verhindern? Kraus versicherte, dass Großbritannien in einer Erweiterung mehr neue Chancen denn Probleme sehe. Ist der Verfassungsvertrag die richtige Antwort auf die Ängste und Vorbehalte der EU-Bürger? Schreyer bejahte die Frage. Brauchen wir die Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung? Eichel unterstrich deren Wichtigkeit.

Als auf dem Podium über die finanzielle Basis der EU gestritten wurde, erhielten die Gäste des Abends einen lebendigen Eindruck von den schwierigen Budgetverhandlungen auf der europäischen Ebene. Die Finanzpolitiker Schreyer und Eichel haben nichts von ihrer einstigen Schlagfertigkeit verloren. Ohne Mühe zählten sie sich die entsprechenden Steuersätze, Haushaltskennziffern und Prozentzahlen in ihrer Argumentation gegenseitig auf.

Einen König für Europa?

Auch die kulturelle Identität Europas und die Vorzüge seines Gesellschaftsmodells als Chancen und Perspektiven Europas wurden auf dem Podium erörtert. In den Antworten der Gäste schienen dabei auch die unterschiedlichen Erfahrungen und biografischen Hintergründe durch. Michaele Schreyer sieht die Zukunft des Kontinents in einheitlichen Forschungs- und Bildungsmaßnahmen wie in seiner ökologischen Modernität. John Kraus wiederum empfahl ganz Europa den britischen New Deal aus verringerter Arbeitslosenhilfe und erhöhten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Hans Eichel wünscht sich die Auflösung nationaler Armeen zugunsten einer europäischen Streitmacht. Als Europa symbolisch vereinende Figur kann er sich sogar den spanischen König vorstellen.

Schließlich meldeten sich die Gäste aus dem Publikum zahlreich zu Wort, um dem Podium unerwartete Aussagen zu entlocken. So konnte Eichel die Sorgen eines bulgarischen Gastes mit einem Bekenntnis zur Aufnahme Bulgariens in die EU zum frühestmöglichen Zeitpunkt zerstreuen. Und es überraschte, dass die Wahl der englischen Königin an die Spitze der Europäischen Union in Deutschland nicht wenige Befürworter unter den Gästen finden würde. Daraufhin wollte der Brite Kraus die Königin doch für Großbritannien sichern. Er verwies die deutschen Royalisten stattdessen auf die günstigen Flugverbindungen zur Insel.

Suchochleb: "In Amerika habe ich von der Diskussionsfreude meiner Kommilitonen profitiert."

Im Anschluss an die Diskussion über Europa befragte Christoph Tanneberger die Reuterianerin Helena Suchochleb zu ihren Studienerfahrungen an der University of Pennsylvania im akademischen Jahr 2004-2005. Suchochleb erinnert sich gerne an die studienfreundlichen Ressourcen der Ivy-League-Uni in Philadelphia: Die langen Öffnungszeiten der Bibliotheken unterstützten die Amerikanistin in ihren Studien ebenso wie die fachliche Betreuung durch einen persönlich für sie zuständigen Professor und Betreuer und die Diskussionsfreude der amerikanischen Kommilitonen. Manches vermisste die gebürtige Berlinerin aber auch in den USA: "Ich hätte gerne ab und zu mehr Zeit für außeruniversitäre Dinge gehabt, um etwas Abstand zur Verarbeitung der neuen Eindrücke gewinnen zu können. Als Studentin war ich in den USA in das Leben an der Universität sehr eingebunden. Zudem definiert man sich dort sehr stark über das, was man tut - Arbeitsleben und soziales Engagement lassen wenig Platz für private Dinge. Ich wäre gerne noch mehr im Land selbst herumgereist. Ich betrachte Reisen auch als eine Form der Bildung."

Verbunden mit dem Wunsch die Initiative der Reuterianer auch weiterhin zu unterstützen, ermutigte die Vorsitzende der Reuterianer, Christine Wank, die Gäste des Abends dem Beispiel eines großzügigen Spenders zu folgen.

Nach guter Tradition schloss sich dem offiziellen Teil des Abends die Fortsetzung der Gespräche bei Wein und anderen Köstlichkeiten an, wobei die Gäste der Reuterianer die Vorzüge des Max Liebermann Hauses an diesem sommerlich warmen Abend im Mai genießen konnten. Erst gegen Mitternacht verließen die letzten Gäste dieses neuerliche Forum. Getreu dem Motto der Reuterianer standen der Dialog zwischen den Kulturen und Generationen und zwischen Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur wiederum im Mittelpunkt.
Torsten Kühne, Christine Wank, Christoph Tanneberger

Zugehörige Galerien:
5. Reuterianer-Forum 11 Mai 2006
Zugehörige Termine:
>09.11.2006: 6. Reuterianer-Forum

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