Wie haben wir’s mit der Religion?
14.05.2009: Wieviel Glaube steckt noch in unserer Gesellschaft? Darüber debattierten die Reuterianer mit dem Philosophen Herbert Schnädelbach und der ehemaligen Gesundheitsministerin Andrea Fischer auf dem 9. Reuterianerforum.
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Die Reuterianer mit Andrea Fischer und Herbert Schnädelbach |
Auf dem Land ist der Einfluss der Kirche immer noch sehr groß. Wer in so einem Umfeld aufwächst, wird praktisch von Geburt an mehr oder weniger gläubig erzogen, bis man vielleicht mit zunehmenden Alter eine reflektiertere Stufe erreicht, von wo aus man das Ganze intellektuell hinterfragt - so geschehen bei Herbert Schnädelbach. Zwischen Vernunft und Glauben macht er einen kategorischen Unterschied auf: Ethik und Moral ist für ihn nicht an Glauben gekoppelt. Für Moral haben wir die Vernunft. Dementsprechend sieht er in der Theologie den Versuch, den Glauben gegen den Vorwurf der Irrationalität zu verteidigen. Und er widerspricht den Theologen, wenn sie behaupteten, Religion sei eine Art "letzter Sinngrund". Gott ist also nicht "das Absolute". Von der Sinnfrage getrennt sieht Herbert Schnädelbach den persönlichen Glauben, den es zu respektieren gilt: "Ich bin kein militanter Attheist. Glauben erfordert aber bestimmte Erfahrungen, die ich nicht gemacht habe."
Der letzte Sinngrund
Andrea Fischer hingegen hat sie offenbar gemacht. Für sie ist Religion eine Gemeinschaftsfrage, die beim Gang in die Kirche beginnt. Sie geht das Problem sozialpolitisch an: Wie gehen wir mit jemanden um, der etwas anderes glaubt? Religion hat viel mit Kulturkreisen und eigener Erfahrung zu tun - ohne Verständnis und Toleranz ist da nichts zu machen. Und ist das nicht ein christlicher Wert? Herbert Schnädelbach hält dagegen: In die normativen Bestände unserer Kultur ist das Christlich-Jüdische längst eingeflossen. Aber produzieren die christlichen Wurzeln noch Saft? Und was kann hier der Religions- oder der Ethikunterricht leisten?
Kirche ist keine Werteagentur
Eins ist sicher: Religion ist kein Werkzeugkasten für soziale Probleme. Daher sei es bedauerlich, wenn vom Religionsunterricht erwartet wird, moralische Erziehung zu leisten. Religion funktioniert nicht als Moralschule. Andrea Fischer sieht das genau so: "Die Kirche ist keine Werteagentur", betont die bekennende Katholikin. Dennoch bietet sich eine Chance: Der Glaube als Zugang zum Selbst. Er öffnet Türen für den Umgang mit Moralfragen, und das sieht die Politikerin als Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Sie spricht sich für den Religionsunterricht aus, denn in der Schule mache es Sinn, das Eigene zuzulassen. Ohne die Auseinandersetzung mit sich selbst könne man nicht ertragen, dass Andere anders sind. So bleibt als Fazit der Diskussion der Ratschlag an die Reuterianer: Religion darf nicht dümmer machen als man sein muss. Religion kann sensibler machen. Offenheit und Neugier sind in jedem Fall wichtige Tugenden, unerlässlich, gerade wenn man - wie die Reuterianer - als Student ins Ausland geht. Möge sich ein jeder in der Fremde an diese Sätze erinnern.
Karl Weidenbeck

